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Titelthema Foto: RitaE

Titelthema Foto: RitaE auf Pixabay Esskultur Wir stehen mit unserer dekadenten Esskultur den Amerikanern kaum noch nach. Sind wir Deutschen die „Amerikaner in Europa?“ von Thomas Steinmetz Wir Deutschen essen viel zu viel, zu süß, zu salzig und zu fett. Dabei haben wir uns unmerklich eine viel zu hastige Essgewohnheit zugelegt, ohne dabei nachzufragen, wie es dem Tier vor seiner Schlachtung eigentlich ergangen ist – Hauptsache es ist billig. Billig und viel. W ürde man behaupten, dass „früher alles besser war“ rund ums Thema Ernährungsgewohnheiten, dann würde das natürlich so nicht ganz stimmen. Früher nahm man beispielsweise einen großen Topf mit Wasser, den man zum Kochen brachte und hat darin das Gemüse mausetot und weich gekocht, um dieses Kochwasser dann anschließend mitsamt den Vitaminen in den Ausguss zu schütten. Heute genießen wir das Gemüse meist „al dente“, kurz in heißem Öl angedünstet und haben gemerkt, dass das nicht nur viel besser schmeckt, sondern auch viel gesünder ist. Und wir sind auch noch nie so aufgeklärt gewesen und es gab auch noch nie so viele Kochsendungen und Kochdoku- Soaps wie heute. Trotzdem sitzen wir gleichzeitig dabei auf dem Sofa und stopfen beim Zusehen gedankenlos Erdnussflips in uns hinein. Man könnte eine Liste beliebig und endlos aufzählen mit Eckpunkten, die belegen, wie ungesund und ignorant wir mit unserer Nahrung umgehen. Dabei hat unser Körper doch eigentlich etwas Besseres verdient – oder? Die Ernährungsindustrie in den USA wurde immer größer, mächtiger und skrupelloser darin, dass sie auf die billigste und respektloseste Art Fleisch und Gemüse auf den Markt bringt. Die nach wie vor immer größer werdenden Fast-Food-Ketten machten den Weg frei für eine totalitäre Macht einer nur kleinen Handvoll Großkonzerne. Diese wenigen Betriebe verdienen sich mit der Essgewohnheit der Amerikaner nicht nur dumm, sondern sogar noch dämlich dazu. Die wenigen anderen Betriebe dort, wo noch „mit Herz und Hand“ gearbeitet wird, sterben hingegen langsam aus. Wie ist das bei uns in Deutschland, sind wir besser? Mir entfährt in letzer Zeit immer öfter der Satz: „Wir Deutschen werden so langsam die »Europäischen Amerikaner«“. Ganz besonders trifft das für unsere Ernährungsgewohnheiten zu. Nirgendwo in Europa wird so wenig Geld im Vergleich zum Einkommen und so wenig Zeit fürs Essen aufgebracht wie bei uns. Sind wir doch mal ehrlich. Es kann nie zuviel auf dem Teller sein, darf uns aber möglichst nichts kosten. Vor allem muss es schnell gehen. Jeden Tag Fleisch, Fertigzeug, Wurst, Formfleischvorderschinken, Junk-Food... und wie das Ganze schmeckt, ist vielen fast schon egal. Schlimmer noch – unser Geschmackssinn hat sich auf dieses glutamat-, zucker- und chemikalienverseuchte Zeug sogar schon regelrecht konditioniert; mit anderen Worten: Gutes, authentisch gekochtes, gesundes und aus frischen Zutaten gekochtes Essen wird unbewusst gar schon als „geschmacklos“ eingestuft. Oft ist es dann sehr schwer, so jemanden von einer Entschleunigung, zu einer Art Bekehrung vom Junk - Food zum Slow-Food zu überzeugen. 62 f

Nehmen wir doch ein konkretes Beispiel: Wir Männer achten peinlichst genau darauf, welches High-Tech-Motorenöl wir liebevoll in unseren Motor gießen und dass der Lack jede Woche glänzt. Am liebsten tanken wir noch ein Super-High-Tech-Benzin für optimalen Fahrspaß. Auch für den neuen Front- und Heckspoiler und die restliche reichhaltige Sonderausstattung nebst Leichtmetallfelgen und Sportpaket ist uns kein Tausender zuviel. Die Autoindustrie allein in Deutschland verdient Abermilliarden an Sonderausstattungen, die eigentlich im Grunde für die Fortbewegung gar nicht nötig sind. Niemand – aber auch wirklich niemand hierzulande würde es seltsam finden, wenn jemand für sein Auto ein paar tausend Euro extra ausgibt. Aber das Schnitzel, das wir auf den Grill legen, darf allerhöchstens 7,99 das Kilo kosten und das Salatöl muss das allerbilligste vom Discount sein. Wenn das Ganze dann noch im Sonderangebot zu haben ist, greift man erst recht und voller Freude und mit beiden Händen zu. Völlig egal, wie es dem Schwein zu seinen Lebzeiten dabei ging, damit dieser Dumping-Preis überhaupt möglich ist. Und in ein feines Restaurant zu gehen, wo man mal hundert Euro ausgibt, hält man gleichzeitig für total dekadent und völlig abgedreht; „So etwas ist doch nur für die Stinkreichen, die nicht wissen, wohin mit dem Geld“, denkt der typische Durchschnittsdeutsche. Und die Zeit, sich ein tolles Essen zuhause zu kochen, mit knackig-frischem Gemüse vom Markt und gutem, regionalen Fleisch vom Metzger hat man angeblich nicht, wobei man aber gleichzeitig täglich vier bis fünf Stunden vor der Glotze hängt und sich eine Serie nach der anderen reinzieht. Hand aufs Herz – stimmt das etwa nicht? Wie gerne und oft wird der „bösen“ Ernährungsindustrie der schwarze Peter zugeschoben indem man sagt: „Die Konzerne sind an allem Schuld. Wenn die das nicht herstellen würden, ginge es uns allen besser“, oder: „Die machen so schlimme chemische Sachen in mein Fertiggericht. Natriumglutamat, Stabilisatoren, Farbstoffe, Hilfsmittel, Konservierungsstoffe und so weiter und so fort“ und schon hat man sich selbst den Heiligenschein aufgesetzt und vergisst dabei völlig, dass Fertigware erstens nicht wirklich billiger, auch nicht schneller gemacht ist und erst recht nicht besser schmeckt als frisch gekocht. Vor allem hat man eines dabei vergessen: Schuld ist nicht die Industrie – die macht nämlich skrupellos nur das, was letztendlich der Verbraucher will. Und der Verbraucher will viel. Viel und gleichzeitig billig. (Fortsetzung nächste Seite) In ein feines Restaurant zu gehen, wo man mal hundert Euro fürs Essen ausgibt, hält man hierzulande oft schon für total dekadent. 63